Überführung einer Lagoon 44 vom Auslieferungshafen D'Olonne (nähe La Rochelle / Frankreich) nach Fethiye / Türkei.

Testbericht Lagoon 44

2670 Nautische Meilen (nm) – also genügend Strecke um den Katamaran mit 14m Länge und über 8m Breite ausgiebig in wechselnden Revieren (Biskaya, Atlantik, und fast dem gesamten Mittelmeer) zu testen. Das einzige was fehlte war Zeit. Der Eigner (an Bord) wollte sein Schiff in 30 Tagen am Ziel haben. Bei einer Atlantiküberquerung (fast dieselbe Strecke) hätte ich genickt – kein Problem. Bei wechselnden Winden vor allem im Mittelmeer im August ist dies aber nicht selbstverständlich und wird ein Wettrennen mit der Zeit – irrig also der Eigner der glaubt (er hat bisher nur gechartert) – da ein Badestopp, dort ein kleines Manöver und dann laufen wir noch den Hafen an um etwas frisches Brot zu holen. Hier aber nicht die Geschichte Eigner und Skipper an Bord, sondern ich will die „Hauptperson“ etwas näher beschreiben.
Auslieferungshafen D’Olonne (nähe La Rochelle / Frankreich).

Lagoon 44
Laut dem Hersteller: Schiffbautechnik CN Bordeaux ist er für den Hochseeeinsatz konzipiert und bietet mit 13,61m Länge und 7,68m Breite doch ordentlich Platz. Der Tiefgang von 1,30 ist wie bei allen Katamaranen mit Festkiel natürlich ideal um Flachwasser anzufahren oder Trocken zu fallen – Höhe am Wind ist aber damit seine Stärke nicht. Das leere Boot mit kompletter (Grund)-Ausrüstung und gefüllten Wasser- / Dieseltanks wiegt bereits über 14 (!)Tonnen – das benötigt schon einen Lufthauch um bewegt zu werden – oder wie bei dieser Option 2x 52 PS Yanmar Diesel Saildrive Antriebe.
Sehr professionell hat am Auslieferungssteg von Lagoon in D’Olonne der Subunternehmer Andreas für den Exporteur Siggi Traub das Schiff in einem halben Tag (incl. Probemotoren /-segeln) übergeben und dabei einige hilfreiche Tipps weitergegeben. Begonnen wurde die Ersteinweisung an der großen Schiebetür. Die Sperre dieser Tür hielt leider nur 5 Tage – dann musste die Tür im geöffneten Zustand mit Keilen gesichert werden. Im geschlossenen Zustand abgesperrt – gut wenn ein Testbericht eben nicht nur einen Nachmittag dauert. Über die sehr aufgeräumte und konzentrierte Elektrik wird uns das Schottsystem erklärt. Beide Bugstaukammern sind völlig geschottet (Sicherheitsaspekt bei Frontalzusammenstößen) und nur eine kleine Schlauchleitung (die ebenfalls geschlossen werden kann lässt evtl. Wasser der Bug- / Segelkammern in die Hauptbilge ablaufen. In der Hauptbilge sind pro Rumpf 3 Bilgenpumpen. 1 x Automatik-Elektrisch, 1 x Manuell Elektrisch und 1 x Manuell mit Pumpschwengeln die im Cockpit gelenzt werden können. Etwas komplex hier die Elektromanuelle Steuerung. 2 Schalter (1x Sicherungskasten ON und am Steuerstand oben muss die Pumpe aktiviert werden). Die Nassräume haben im Duschsumpf eigene Automatikpumpen und so wird Zahnputzwasser oder Duschwasser mit automatischer An-Abschaltung nach draußen gepumpt. Die 3te Toilette bei dieser Ausstattungsvariante hatte einen Fäkalientank. Weiter ging es im Uhrzeigersinn über den Salon in dessen Sitzgelegenheiten neben sehr viel Stauraum auch Ersatzteile und ausreichend Deutsche Bedienungsanleitung Platz fanden. Wie bei vielen Neuschiffen ist die Abschluss-Qualitätskontrolle ein Manko-Punkt. Scharniere klemmen, Türen schließen ungenau und von 10 Schrauben sind 8 nicht richtig angezogen.
Willkommen auf dem Katamaran der Luxusklasse.
Das innovativste (so die Messeankündigung) sei der neu konzipierte Ruderstand, auf und vor dem Cockpit- / Salondach. Kommt man also aus seiner Kabine, klettert man die ersten 4 Stufen in den Salon und von dort über das Cockpit im weiteren Kreisel wahlweise SB oder BB noch eine Etage höher um sich auf einer 4m breiten Sitzgruppe hinter die Steuereinheit und Winschkonsolen setzen zu können. Mit Sonderzubehör (wie bei diesem Schiff) wird der Weg dorthin mit LED-Lampen an jeder Stufe, im Cockpit und der Steuerzeile beleuchtet. Dies dürfte aber wohl mehr ein „Optic-gag“ für die Marina sein, als eine beleuchtete Steighilfe auf See. Sie nimmt die Nachtsicht durch die Reflexion des weißen Gelcoats komplett und lässt sich nur im Salon abstellen. Hoch oben angekommen findet man ein großes Steuerrad, die übliche Schaltmimik der beiden leistungsstarken (und auch recht lauten) Maschinen, sowie fast die gesamten für das Segeln nötigen Schoten, Fallen und Trimmleinen. Bei schlechtem Wetter kann nun noch ein Bimini ausreichend Schutz vor Salzspritzer oder Regentropfen bieten (wenn man trocken bis dorthin gelangt!). Keine Angst – Wellen schlagen bis in diese Höhe nicht hoch. Bei Fahrt „Hart am Wind“ mit 30kt Wind und 2m See aber sorgt allein die Gischt der angeschnittenen Welle für kräftige Duschen. Für eine frei Voraussicht ist der Steuerstand wie geschaffen (und das Hin- und Hergerenne von 2 Steuerständen entfällt); leider sieht man aber durch die begehbare Cockpitabdeckung nicht mehr nach hinten ,und damit auch nicht die beiden Heckrümpfe mit Badestufen, und bei einem klassischen römisch-katholischen Anlegemanöver (Buganker und 2 Heckleinen) muss eine weitere Person den Abstand zur Mole hochrufen – einsehen ist schlichtweg nicht möglich. Als Option gibt es dafür aber eine Videokamera. Wie hoch also der Baum angeschlagen sein muss, um gefahrfrei als Patenthalse durchzuschwingen, dürfte nun klar sein und gibt dem Schiff doch ein etwas eigenwilliges Aussehen. Der 17m hohe Mast (Diamantverstagt) und mit je 2 Wanten angeschlagen kommt ohne Achterstag aus und wird nach vorn mit einer sehr hoch angeschlagen Rollgenua gestützt. Die Reffleine der Genua wird dabei ebenfalls bis hier herauf verlegt. Wie hoch der Reibungswert bei 6 facher Umlenkung ist, kann man sich vorstellen. Vorbei mit der Skipperermahnung die Genuareffeinrichtung nie mit der Winsch zu bedienen sprich nur bei entlasteter Genua ganz oder teilweise per Hand dicht zu holen. Bei diesem Schiff war ein Ein-Leinen-Reff-System mit 3 Reffs und Lazybag vorgesehen. Ein Anschlagen der Segel ist dabei aber nur Menschen über 2,20 Größe möglich. Sehr sinnig sind auch die Lazyjacks oben im Mast fixiert – auf alle Fälle sind erst Menschen mit 2,50m in der Lage in den Lazybag zu blicken und die Dirk wird zum Unikum, da die Lazyjacks den Baum eh oben halten. Diese Version war ohne Baumniederhohler ausgerüstet – ein vernünftiges Trimmen also trotz 3m Traffelerschine kaum möglich, da es das durchgelattete, modern geschnittene (also oben mit Bauch) Großsegel auf stolze 71 m² bringt. Leider fehlte auch ein Spi-Baum der die 43 m² Genua etwas bei achterlichen Winden ausbaumen könnte. Der mitbestellte Parasail-spi war dagegen mit 140 m² eindeutig untersetzt und so hat er bei raumen Wind mit 15kt der (nichtausgebaumten) Genua nur 1,5 kt abgenommen – sprich 5,5 kt mit Genua gegen 7 kt mit dem Spi. Die Stärke dieser Takelung und Segel liegt bei Am Wind Kursen – so war es möglich bei 8 kt Wind, Genua und 1.Reff (ein komplettes Durchsetzten war nicht möglich = die Mastspur war zur Fixierung der baumelnden Antenne zugeklebt s.Bericht) auf fast 6kt zu beschleunigen. Sobald aber der Kurs / Wind auf Halben Wind drehte wurden aus 8 kt Wind jämmerliche 3,5 kt. Falls nun bei Raumen und Achterlichen Wind der Holepunkt der Genua mittels an der Mittelklampe befestigter Rollen weit nach außen gebracht wird sind wieder 4-5kt möglich. Das Groß muss dabei komplett geborgen werden – es scheuert bei 30° Baumaustellung bereits mit den Segellatten an den Wanten. Ja - wo sind denn die Wahnsinnswerte die diese Kats alle laufen sollen? Soviel sei verraten, ein eingeräumter Hochseekat (Weltumsegelungsfertig) ist keinen Knoten schneller als ein vergleichbarer Mono – dafür fällt er aber auch garantiert nicht um. Die Lagoon 44 spricht aber ab 10kt wahren Wind sehr willig und zügig an und eine Halbierung der Windgeschwindigkeit ist bei richtigem Trimm als Fahrtwert zu erzielen (Beispiel: Fock und Groß bei Halbem Wind mit 12kt = 6,5kt Fahrt). Unter Maschine, auf Strecke wird nur ein Motor eingesetzt, läuft der Kat bei einer Drehzahl von 1800 U/min bei leichter See bereits 5,5kt und verbraucht dabei nur 2 L/h. Durch eine Erhöhung der Drehzahl auf 2200 U/min (so das Optimum der Werft) sind es 6,2 kt aber weit lärmintensiver. Das Zuschalten der 2ten Maschine bringt nur 1 kt mehr Fahrt und ist somit ineffizient. Sie wird nur für Hafenmanöver eingesetzt (und ist dort auch dringend nötig).
Der Wohnraum (besonders bei einer Eignerversion) ist bei diesen Großkatamaranen natürlich fast schon wie eine kleine Wohnung. Helles Holz, gut durchdachte Raumaufteilungen, viele Luken zum Lüften und sauber verlegte Leitungen und Rohre begeistern einen evtl. nötigen Bootsbauer oder Elektriker. Nur der Mechaniker wird (wie gewohnt) über einen sehr beengten Arbeitsplatz jammern. Leider ist aber mit dem Salontisch, den man mit seinen soliden Füßen auch ins Cockpit stecken kann, dieses auch so versperrt, dass die Gäste dann über die Sitzgelegenheiten krabbeln müssen. Für ein Beiboot war im Moment kein Kapital vorhanden – billig aber ist die teilweise sehr eigentümlich gehaltene Ausstattungsvariante dieses Eigners (gekauft für eine Weltumsegelung) mit weißen Echtledersitzen im Salon, natürlich nicht. Allein die Navigationselektronik der doppelten Raymarine Kartenplotter E120 plus Radar und Lot oben und unten in der Navigation –28000 Euro, incl. Autopilot und MP3 Radio, aber Videoauge, passende Detailkarten oder ein Funkgerät (?) sind nicht in diesem Komplettpaket. Na dann lasst uns doch mal segeln!
Fazit nach 4 Wochen und 2700 nm – bis auf eine Rolle (Grossfall) die ausgebrochen war, der ständig im Seegang auf und zu donnernden Schiebetür und den bereits bemängelten Schrauben, sowie die UKW Antenne (an der eine Mutter nicht festgeschraubt war) ist nichts kaputt gegangen. Das spricht dann doch deutlich für ein qualitativ hochwertiges Schiff. Konzipiert für luxuriöses Katsegeln und weniger für puristische Hochseekatsegler (die können sich dieses Schiff aber meist eh nicht leisten) muss man das gewöhnungsbedürftige Erscheinungsbild dieses Kats halt mögen und wird, zumindest in der Anfangszeit einige Neider am Hafenkai beeindrucken können. 

Skipper UDO

 

August 26.08.05 bei einem frischen Weißbier (und des hab i bestimmt verdient)


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